Flüchtlingshilfe in Wandlitz

Runder Tisch Willkommen

16.2.13: Die Wandlung der Wandlitzer (Tagesspiegel)

Die Wandlung der Wandlitzer
von Sandra Dassler

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Sie waren gegen das Asylbewerberheim. Doch dann begrüßten sie die
Flüchtlinge mit Kaffee und Kuchen. Jetzt basteln sie mit den Kindern,
unterrichten Deutsch, spenden Möbel. Was ist geschehen?
Mathis Oberhof hatte keine Chance. Weil er sie couragiert nutzte, kann Magomed jetzt
Fahrrad fahren. Der Neunjährige muss zwar noch einige Schrauben nachziehen, die
Klingel festschrauben und das Schutzblech geradebiegen, aber das kriegt er mithilfe der
Leute hier hin.
Magomed spricht schon ein wenig Deutsch. Vor knapp einem Jahr sind seine Eltern aus
Tschetschenien geflohen, um in Deutschland Asyl zu beantragen. Magomed und seine
Geschwister haben alle Freunde, vor allem aber die Fußballkameraden zurücklassen
müssen.
Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt, wo Magomeds Familie
einige Monate lebte, war voll belegt – es gab zu viele Asylbewerber und zu wenig Plätze.
Hier ist es anders. Magomed weiß zwar nicht genau, wo dieses Wandlitz liegt, aber er hat
die Augen seiner Mutter strahlen sehen, als sie nach dem Umzug ins frisch renovierte
ehemalige Azubi- Wohnheim die sauberen Zimmer, Küchen und Toiletten betrat. Und er
hat entdeckt, dass hier auch Kinder Fußball spielen. Mit den Rädern könnten er und seine
Brüder zum Training fahren.
Magomed reicht dem großen blonden Mann, der beim Reparieren hilft, den
Schraubenschlüssel. Mathis Oberhof beugt sich zu dem Kinderrad hinab, versucht den
Sattel höherzustellen. Nie hätte der 62-Jährige gedacht, dass seine Rede auf der
Einwohnerversammlung Anfang November vergangenen Jahres solche Auswirkungen
haben würde.
Geredet hat der Frührentner eigentlich nur aus Ärger. Weil er selbst fast unterschrieben

hätte, als eine Bürgerinitiative in der Gemeinde Wandlitz, zu der sein Heimatort Basdorf
gehört, Unterschriften sammelte: für eine menschenwürdige dezentrale Unterbringung
von Asylbewerbern im Barnim. „Da konnte man ja kaum dagegen sein“, sagt Oberhof.
Dann aber erfuhr er von der evangelischen Pfarrerin Janet Berchner, „dass das nur der als
humanistisch getarnte Versuch war, ein Asylbewerberheim in Wandlitz zu verhindern“.
Darüber ärgerte sich Oberhof so sehr, dass er sich seither engagiert.
Die Unterschriften wurden auf besagter Einwohnerversammlung an den Landrat von
Barnim, Bodo Ihrke, übergeben. Auch der erklärte den Bürgern, dass Einzelunterkünfte
für neu angekommene Flüchtlinge ohne Sprachkenntnisse nicht optimal sind, aber das
überzeugte die Wandlitzer nicht. „Sie hatten Angst vor Fremden, vor steigender
Kriminalität, um den Wert ihrer Grundstücke“, sagt Mathis Oberhof. „Ich wusste, dass sie
mich auspfeifen würden, aber ich musste einfach Stellung beziehen.“ Oberhof erzählte den
anderen Bürgern, wie viele Flüchtlinge beim Versuch, nach Europa zu gelangen, ihr
Leben verlieren. Und dass seine Großeltern nach dem Krieg selbst Flüchtlinge waren,
denen die Türen verschlossen blieben.
Doch die meisten Anwesenden wollten das nicht hören; sie buhten und riefen: „Aufhören!“
Oberhof hatte keine Chance. Nach einigen Minuten bat er erschöpft darum, einfach nur
zu Ende reden zu dürfen. Die Bitte war eigentlich aussichtslos, vielleicht rührte sie gerade
deshalb einige im Saal. „Lasst den doch reden“, sagten ein, zwei Leute. Und plötzlich riefen
immer mehr: „Lasst den ausreden!“
Es war längst nicht die Mehrheit im Saal, aber es reichte: Mathis Oberhof konnte zu Ende
reden und als er fertig war, gab es sogar ein wenig Beifall und manche klopften ihm auf
die Schultern.
Zu Hause stand sein Telefon nicht mehr still. „Was können wir tun?“, fragten die Anrufer.
Oberhof verwies sie an den „Runden Tisch für Toleranz“, den Pfarrerin Berchner initiierte.
Der rief die Einwohner zu Möbel-, Kleider-, Spielzeug- und vor allem Fahrradspenden auf
und entwarf Plakate, auf denen in 14 Sprachen „Willkommen“ stand.
Die Plakate hängen jetzt an verschiedenen Stellen im Ort, den Kirchen, der Grundschule
und natürlich im Asylbewerberheim. Als die ersten Bewohner am 3. Januar eintrafen,
waren sie nicht nur davon überrascht. Die Wandlitzer empfingen sie auch mit Kaffee und
Kuchen – und mit dem Versprechen, zu helfen.
Bisher haben sie das Versprechen gehalten. Die Halle, in der Magomed sein Fahrrad
zusammenbaut, ist gut gefüllt mit Spenden. Mathis Oberhof erzählt von einer
alleinerziehenden Mutter und Hartz-IV-Empfängerin, die tagelang Kindersachen wusch
und bügelte und sogar den Lieblingsstoffhund ihres Sohnes dazulegte. „Für die
Negerkinder“, habe sie auf die Spende geschrieben, sagt Oberhof: „Politisch korrekt war
das natürlich nicht, aber es kam von Herzen.“

Ein Rentner-Ehepaar kommt jede Woche für mehrere Stunden ins Heim. Während der
Mann mit den Erwachsenen in die Fahrradwerkstatt geht, liest seine Frau den Kindern
Geschichten vor und bastelt mit ihnen, bringt ihnen spielerisch Deutsch bei. Dass sie
früher in der DDR Russisch gelernt hat, erleichtert die Verständigung – die meisten der 14
Kinder sind Tschetschenen, die Russisch verstehen.
62 Asylbewerber leben insgesamt hier, aus Pakistan, Irak, Iran und Kenia. Das jüngste
Kind, ein Vietnamese, ist gerade geboren, zwei Kleinkinder kamen mit ihrer Mutter aus
Kamerun. Die Mutter, selbst noch ein halbes Kind, freut sich sehr über ihr Fahrrad. Sie hat
sich mit Schülerinnen des Wandlitzer Gymnasiums angefreundet. Die sprechen wie sie
Französisch und können sehr gut verstehen, dass die Frau aus Kamerun geflüchtet ist,
weil sie mit einem sehr alten Mann zwangsverheiratet werden sollte.
Eine andere junge Frau aus Kamerun musste ihre drei Kinder zurücklassen. „Meine
Kleinste hat morgen Geburtstag“, sagt sie und hält mühsam die Tränen zurück. Dann holt
sie ein Schreibheft aus dem Zimmer und läuft ins zweite Obergeschoss. Im Klubraum gibt
ein junger Referendar ehrenamtlich Deutschunterricht. Fast alle sind gekommen, auch die
älteren Kinder. Eine Tschetschenin spricht so eifrig deutsche Vokabeln nach, dass sie gar
nicht bemerkt, wie ihr Kopftuch verrutscht. Viele Männer haben sich frisch gebügelte
Hemden angezogen.
„Die wollen unbedingt Deutsch lernen“, sagt Heimleiterin Petra Stabenow. Das sei wichtig,
um Missverständnisse zu vermeiden. So glaubten viele, dass die Räder ihnen allein
gehörten. „Etwas Eigenes zu haben, wäre für sie wichtig, aber so viele Räder haben wir
nicht“, sagt Mathis Oberhof. Er hofft, dass im Frühling weitere Räder gespendet werden.
Dann wollen die Helfer auch Treffen mit den Wandlitzern organisieren. Je besser man
sich kenne, desto geringer sei die Gefahr, dass bei Vorfällen gleich alles infrage gestellt
werde, sagt Mathis Oberhof. „Auch bei Flüchtlingen gibt es schwarze Schafe. Wenn einer
von ihnen beim Stehlen erwischt würde, sollte das nicht alles kaputt machen.“ Manche
Einwohner seien nach wie vor skeptisch. So habe noch zu Jahresbeginn ein Fußballtrainer
gesagt: „Wenn hier Ausländer auftauchen, bin ich weg.“
Inzwischen trainieren einige Flüchtlingskinder im Polizeisportverein mit. Vielleicht ist bald
auch Magomed dabei.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Februar 16, 2013 von in Presseartikel.
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