Flüchtlingshilfe in Wandlitz

Runder Tisch Willkommen

Sprachunterricht am Kochtopf (MOZ vom 19.8.13)

Wandlitz (MOZ) Kochen und dabei gleichzeitig Deutsch lernen: Die ehemalige Lehrerin Brigitte Breuer setzt diese Idee seit einigen Wochen im Asylbewerberheim in Wandlitz um. Jeden Donnerstag findet an der Bernauer Chaussee ein besonderer Sprachunterricht statt.

Die 69-jährige Dame ist inzwischen ein Genie im Improvisieren. Sie benutzt Tapetenrollen als Schreibpapier, setzt die Rückseite von Unterlagen als Tafel ein und nutzt eine Handglocke als Pausenklingel. „Ich musste mir wirklich Einiges einfallen lassen, sonst wären doch meine Schüler gar nicht erst gekommen“, sagt die rüstige Seniorin mit dem freundlichen Lächeln.

Sie gehört zu dem großen Stamm der ehrenamtlichen Helfer, die sich seit Anfang des Jahres für die Flüchtlinge im Wandlitzer Übergangsheim engagieren. Den Bewohnern aus den fremden Ländern werden auch vom Landkreis Barnim Deutschkurse angeboten. Aber einige kommen noch zusätzlich in die turbulenten Unterrichtsstunden von Brigitte Breuer.
Natürlich hat die ehemalige Lehrerin im Laufe ihrer aktiven Berufszeit viele Erfahrungen im Umgang mit großen und kleinen Schülern gesammelt. „Aber das hier ist schon etwas anders und auch für mich eine große Herausforderung“, gibt die Biesenthalerin zu. Denn „ihre Black Boys“, wie sie die erwachsenen Schüler liebevoll nennt, sprachen anfangs kein einziges deutsches Wort.
Und jetzt – Brigitte Breuer freut sich sichtlich über den Erfolg – verstehen sie schon einige Brocken und können sogar ein paar Wörter lesen und schreiben. Doch die Lehrerin hat schnell gemerkt, sie muss zu dem normalen Unterricht, den sie ebenfalls durchführt, noch etwas anderes anbieten: und eben nicht nur bunte Bilder zeigen und pausenlos ins Arabisch-Wörterbuch schauen. Jedenfalls kam ihr am eigenen Herd plötzlich die Idee zum „Deutschlernen am Kochtopf und an der Bratpfanne“.
Jeden Donnerstag trifft sie sich nun mit mehreren Männern, die aus dem Tschad und Pakistan kommen, in der kleinen Heimküche. Sie bringt verschiedene Zutaten mit, breitet sie auf dem Tisch aus und legt los: „Tooooomaaaaate“, sagt sie betont langsam und zieht die Buchstaben laut und verständlich auseinander. Sie hält dabei dieses rote Gemüse in der Hand und animiert ihre Kochhelfer zum nachsprechen. Darkalah versucht es ganz leise und auch Ibrahim und Iftikar bemühen sich. Nach fünf Versuchen ist Brigitte Breuer zufrieden und greift nach einer Kartoffel. Wieder sagt sie das Wort vor, wieder versuchen sich die arabisch Sprechenden an deutschen Lauten. Dann erklärt die kleine Frau mit dem großen Elan, was gemeinsam zubereitet wird: Bratkartoffeln, gemischter Salat und ein Dessert. Beim Schnippeln und Rühren, Pellen und Zerkleinern achtet die Lehrerin darauf, dass viel gesprochen wird. Manchmal schaut sie auch in ihr Arabisch-Wörterbuch und zeigt ihren Schülern, was sie meint.
Dass ihr diese zwei Stunden Deutschunterricht Spaß machen, ist ihr anzusehen. Warum sie ihre eigene Freizeit dafür opfert, erklärt sie so: „Ich merke, dass ich dadurch im Kopf viel fitter bin, aber vor allem möchte ich etwas Gutes tun“, erklärt die rüstige Seniorin.
Natürlich ärgert sie sich, wenn einige Schüler bis zu 40 Minuten zu spät kommen. Sie hat auch schon den einen oder anderen aus dem Zimmer in die Küche geholt. „Doch ich merke, wie dankbar sie sind und das, was ich ihnen beibringe, regelrecht aufsaugen“, betont Brigitte Breuer.
Am Schönsten sei immer der Moment, wenn alle am fein gedeckten Tisch das gemeinsam zubereitete Essen verspeisen. Ein großer Traum der Biesenthalerin ist es, dass „ihre Jungs“ einmal für sie Speisen aus den Heimatländern kochen – und dann auf Deutsch erklären.
 
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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am August 19, 2013 von in Presseartikel und getaggt mit .
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