Flüchtlingshilfe in Wandlitz

Runder Tisch Willkommen

nd vom 20.1.14 über das 2. Bürgerbegegnungsfest

20.01.2014 / Berlin/Brandenburg / Seite 12

Wandlitzer Willkommenskultur

Grundschüler drehten einen Film über die freundliche Aufnahme von Asylbewerbern

Von Steffi Bey
Auf dem Bürgerbegegnungsfest am Sonnabend wurde eine positive Bilanz gezogen: Flüchtlinge bereichern die Gemeinde. Anfangs hatte es große Ängste gegeben.

Wandlitz hat sich gewandelt und eine ganz besondere Willkommenskultur entwickelt. Als vor einem Jahr die ersten Flüchtlinge ins neue Asylbewerberheim einzogen, gab es noch viele Ängste vor den neuen Nachbarn. Inzwischen gehören sie zur Normalität. Am Sonnabend wurde das zweite Bürgerbegegnungsfest gefeiert.

Der Ort für das Zusammentreffen steht symbolisch für das, was in Wandlitz in den vergangenen Monaten passierte. Denn in dem großen Saal im alten Dorfkern fand vor reichlich einem Jahr eine Veranstaltung statt, die Mathis Oberhof nie vergessen wird. In aufgeheizter Atmosphäre diskutierten damals erboste und aufgeregte Anwohner über die Fremden, die in ihrem beschaulichen Ort untergebracht werden sollten. »Die Stimmung war von Angst, Hass aber auch Ungewissheit geprägt, viele befürchteten, ihrer Eigenheime würden nun angegriffen und die Grundstückspreise sinken«, erinnert Mathis Oberhof, der im Wandlitzer Ortsteil Basdorf lebt. Er gehörte damals zu den Wortführern der Bürgerversammlung und schaffte es, zumindest einige Ängstliche aufzurütteln. Schon einen Tag später meldeten sich bei ihm die ersten engagierten Bürger, die ihre Hilfe anboten.
Wenige Tage danach wurde der Runde Tisch der Toleranz initiiert, in dem sich alte und junge Einwohner, Christen und Politiker zusammenschlossen. »Wir wollten die Flüchtlinge willkommen heißen, sie auf ganz unterschiedlichen Gebieten unterstützen, aber sie auch aktiv zur Mitwirkung animieren«, fasst Oberhof zusammen, der von nun an die Aktivitäten des Runden Tisches koordinierte.
Als er am Sonnabend auf der Bühne im großen Saal des »Goldenen Löwen« steht und das Fest eröffnet, verkündet er stolz: »Unsere Gemeinde ist reicher und bunter durch die neuen Mitbürger geworden, und wir haben alle davon profitiert.« Auch Bürgermeisterin Jana Radant geht in ihrer kurzen Ansprache darauf ein, dass die enge Zusammenarbeit des Runden Tisches mit dem Asylbewerberheim und der Verwaltung wirkte. »Wir sind neugierig auf andere Nachbarn geworden«, sagt sie.
Das Besondere an der Wandlitzer Willkommenskultur, für die sich inzwischen auch andere Kommunen interessieren, besteht darin, dass Ehrenamtliche etwas mit den Flüchtlingen unternehmen. Man geht spazieren, singt oder spielt zusammen. Dieter Gadischke aus Bernau fand Freiwillige, die sich als Dolmetscher zur Verfügung stellen oder die Asylbewerber zum Arzt und zu Behörden begleiteten. Gymnasiasten luden die Fremden in ihre Schule ein und der Polizeisportverein bot Trainingsstunden an. Außerdem wurden Spenden gesammelt, Kleidung, Möbel und Spielzeug aufgetrieben.
Wie sich besonders ältere Wandlitzer kümmerten, wie weitere Projekte entstanden und welche Begegnungen es zwischen Asylbewerbern gab, die unter anderem aus Tschetschenien, dem Tschad, aus Kenia oder Pakistan kamen, zeigt eine Dokumentation. Der in Basdorf lebende Regisseur Bernd Sahling hat den Streifen »Willkommen« gemeinsam mit Basdorfer Grundschülern gedreht. Uraufgeführt wurde der Film beim Bürgerbegegnungsfest.
Die Mädchen und Jungen waren dabei, als Beni, Mahamat und Simon die ersten deutschen Wörter lernten. Nele und Maike aus der fünften Klasse wollten von Brigitte Breuer, einer pensionierten Lehrerin, wissen, warum sie den Fremden hilft. Gedreht wurde ebenso während eines Naziaufmarschs und in der Fahrradwerkstatt. Auch über die Protestaktion, durch die es gelang, eine tschetschenische Familie wieder zusammenzuführen, wird berichtet.
»Mich hat die Offenheit der Asylbewerber überrascht«, sagt die elfjährige Maike. Für Nele ist es am schwierigsten gewesen, sich Fragen zu überlegen, die sie dann den Ehrenamtlichen stellte. Bei der Verständigung mit den Flüchtlingen halfen Dolmetscher. Maikes Mutter hat bemerkt, dass ihre Tochter durch die Arbeit an dem Film »jetzt mit noch offeneren Augen durch die Welt geht«. »Sie fragt uns sehr viel, beispielsweise über Schriftzüge, die sie unterwegs entdeckt.« Nach der 35-minütigen Premiere gab es am Sonnabend lang anhaltenden Beifall. Die meisten empfanden den Film als sehr authentisch und waren emotional berührt. Bernd Sahling freute sich über Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (LINKE), der versprach bei der Veranstaltung, sich dafür einzusetzen, dass die Herstellung von DVD’s mit diesem Film gefördert wird.
Mathis Oberhof zeigte sich am Ende des Festes glücklich. Mehr als 300 Gäste konnten sich von den Kochkünsten der Flüchtlinge überzeugen und verfolgten ein abwechslungsreiches Kulturprogramm.
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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Januar 20, 2014 von in Presseartikel und getaggt mit , , , .
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