Flüchtlingshilfe in Wandlitz

Runder Tisch Willkommen

nd vom 13.10.14: Flüchtlinge in Wandlitz willkommen

neues-deutschland.de / 13.10.2014 / Berlin/Brandenburg / Seite 12

Bürger der Gemeinde feiern wieder ein Fest mit Asylbewerbern und helfen, wo sie können

Von Rainer Balcerowiak
Nach anfänglicher Angst vor Vandalismus und Kriminalität haben die Bürger von Wandlitz ihre Vorurteile gegenüber Asylbewerbern abgelegt und eine vorbildliche Willkommenskultur etabliert.

Bereits zum dritten Mal lud am Sonnabend der Wandlitzer »Runde Tisch Willkommen« zum Bürgerfest in das Kulturzentrum »Goldener Löwe« ein. Rund 200 Anwohner und Gäste, darunter auch viele aktuelle und ehemalige Bewohner des Übergangswohnheims für Flüchtlinge und Asylbewerber in der Bernauer Chaussee, folgten der Einladung und verbrachten gemeinsam einen stimmungsvollen Nachmittag mit Diskussionen, Musik und mehr oder weniger exotischen Speisen.

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Als die Einrichtung mit rund 80 Plätzen im Januar 2013 eröffnet wurde, stieß das in der Nachbarschaft nicht gerade auf Begeisterung. Viele Wandlitzer lehnten die Unterbringung von Flüchtlingen ab und warnten vor Vandalismus, Kriminalität und Wertverlust der Grundstücke. Auch einige rechtspopulistische Scharfmacher und Neonazis versuchten, mit den Ängsten der Bürger ihr Süppchen zu kochen.

Doch anders als in vielen anderen Orten bildete sich in Wandlitz sehr schnell etwas heraus, was gerne als »Willkommenskultur« bezeichnet wird. In unmittelbarer Nähe des Wohnheims, das in einer alten Schule eingerichtet wurde, entstand eine »Halle der Solidarität«, in der gespendete Kleidung, Küchenbedarf, Spielsachen und andere Gebrauchsgegenstände gesammelt und an die Flüchtlinge verteilt wurden.

Beim Runden Tisch treffen sich seitdem Vertreter der Gemeinde, des Landkreises Barnim und engagierte Bürger, um Hilfe für die Flüchtlinge zu organisieren und deren Integration zu fördern.

Abgesehen vom »harten Kern«, der aus einem Dutzend Leuten besteht, gebe es inzwischen ein Netzwerk von über 100 Unterstützern, die praktische Hilfe leisten, berichtet Runder-Tisch-Sprecherin Hannah Kickel-Andrae. Neben Sachspenden werden Fahrdienste für Arztbesuche und Behördengänge sowie Sprachkurse und Schulhilfe organisiert. Auch eine Fahrradwerkstatt und eine Kochgruppe wurden eingerichtet – alles ehrenamtlich und kostenlos. Mit Hilfe einiger Musiker aus dem Barnim wurde für das Bürgerfest ein Programm mit Flüchtlingen erarbeitet. Heraus kam dabei eine sehr lebensnahe Form von Weltmusik.

Für die Willkommenskultur engagieren sich auch Schüler des Wandlitzer Gymnasiums, die betonen, dass es an ihrer Schule keine fremdenfeindlichen Gruppen gebe. Natürlich habe das Engagement auch dazu geführt, dass man sich intensiver mit den Ursachen der Flüchtlingsströme und der Asylpolitik beschäftige.

Bürgermeisterin Jana Radant (parteilos) betont bei jeder Gelegenheit, dass die Flüchtlinge keine Belastung für die Gemeinde seien, sondern eine Bereicherung. Neonazis, die in Wandlitz sporadisch auftraten, sahen sich stets sehr vielen Gegendemonstranten gegenüber.

Geleitet wird das vom Landkreis Barnim betriebene Wohnheim von Petra Stabenow. Sie äußert sich sehr zufrieden über die Kooperation mit der Gemeinde und das große bürgerschaftliche Engagement im Ort. Vorfälle wie unlängst in Nordrhein-Westfalen, wo Flüchtlinge in privat betriebenen Unterkünften von Mitarbeitern regelrecht gequält und gedemütigt wurden, seien in Wandlitz undenkbar. Man habe da ein »sehr genaues Auge drauf« und gehe Beanstandungen von Bewohnern auch sofort nach, versichert Stabenow. Man versuche auch, Einfluss auf die Belegung des Heimes zu nehmen, um absehbare ethnische Konflikte möglichst zu vermeiden.

Probleme gibt es vor allem bei der Beschaffung von Wohnungen. In Wandlitz selbst, einer wachsenden Gemeinde im Berliner Speckgürtel, gibt es kaum Quartiere, die im Rahmen der Kostenübernahmesätze angemietet werden können. In Eberswalde gibt es zwar in einigen Vierteln viele leerstehende Wohnungen, doch man will eine Ghettoisierung und die Schaffung »sozialer Brennpunkte« unbedingt vermeiden. Daher sei die Akquise von Wohnraum eine der wichtigsten Aufgaben, erläutert Stabenow. Zumal die Zahl der Flüchtlinge, die Barnim künftig zugewiesen bekommen wird, absehbar noch deutlich steigen wird. Zumindest in Wandlitz scheint man aber gelernt zu haben, mit dieser Herausforderung umzugehen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Oktober 25, 2014 von in Presseartikel.
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