Flüchtlingshilfe in Wandlitz

Runder Tisch Willkommen

Gibt es einen Skandal bei den Wandlitzer Flüchtlingsspenden?

Ausgelöst von einem Artikel in der Märkischen Oderzeitung (MOZ) vom 21. November 2014 findet im Internet eine Debatte statt, ob das Verfahren mit den für das Wandlitzer Asylbewerberheim abgegebenen Spenden „ein Skandal“ ist oder nicht.

In diesem Artikel mit dem Titel „Wenn Spenden verkauft werden“ wurde nach zunächst lobende Erwähnung der überwältigenden Spendenbereitschaft der Wandlitzer Bevölkerung folgende Aussagen getroffen: „Den wenigsten Spendern dürfte allerdings bekannt sein, dass ihre Gaben längst von der Brockensammlung Lobetal übernommen wurden und nun verkauft werden. Auch Wandlitzer Flüchtlinge müssen dafür bezahlen.“

Und anschließend wird ein Basdorfer Bürger zitiert: „Es ist ein handfester Skandal…“

Obwohl der Unterzeichner seit einem Jahr keine Verantwortung mehr beim Runden Tisch trägt, (oder vielleicht gerade auch deshalb, weil) möchte er sich im Folgenden mit einigen Sachverhalten auseinandersetzen.

Offensichtlich gibt es ein Kommunikationsproblem in Wandlitz. Und es gab, das wird im weiteren Verlauf des Artikels auch vom Sprecher des Runden Tisches, Diakon Peter Dudyka erklärt, ein Problem für den Runden Tisch durch die überwältigende Spendenbereitschaft der Wandlitzer Bevölkerung.
Worin besteht das Kommunikationsproblem?

Die Tatsache, dass die „Halle der Solidarität“ im Hof des Übergangswohnheims in Wandels aus allen Nähten platzt, und dass die freiwilligen Helfer mit der Annahme, Sortierung und Ausgabe völlig überfordert sind, wurde im Amtsblatt der Gemeinde Wandlitz schon im Februar 2014 kommuniziert. Aber wer liest schon das Amtsblatt? Und wer zieht schon daraus die Schlussfolgerung, zur nächsten Sitzung des Runden Tisches zu kommen, eventuell seine Arbeitskraft oder seine Ideen anzubieten, wie dieses Problem gelöst werden könnte. Es wäre auch unfair, so etwas zu erwarten. Dennoch gehört zur Fairness, auch diesen Fakt in Rechnung zu stellen: Beim monatlich stattfindenden „Runden Tisch Willkommen“ versammeln sich durchschnittlich 10-15 Personen, von denen etwa die Hälfte den größten Teil der ehrenamtlichen Arbeit stemmen. Sprachunterricht, Pressearbeit, Hilfe für die Flüchtlinge bei der Arbeitssuche, Kommunikation mit anderen Flüchtlingsinitiativen, Vor- und Nachbereitung der monatlichen Treffen und vieles andere mehr. Es ist jeden Monat das gleiche: viel zu viel Themen für viel zu wenig Aktive. Diese Situation unterscheidet sich wohl kaum von der von vielen Willkommensinitiativen, Flüchtlingsräten oder Integrations-Gruppen in ganz Deutschland, die sich solidarisch um neu ankommendene Geflüchtete kümmern.

Neu ist aber, dass die Arbeit, und die Problemlösungen, die dieser kleine ehrenamtliche Kreis zu leisten hat, von Außenstehenden, die nicht bereit sind oder nicht in der Lage, sind einen größeren Anteil ihrer Freizeit für dieses Thema zu opfern, von einem „Skandal“ sprechen und dafür in der Presse auch Beachtung finden.

 „… Aber es ist doch eine Tatsache, dass kostenlose Spenden weiter-verkauft werden!“

Auch wenn in dem Artikel leider der Hinweis fehlt, dass zunächst die im Heim entgegengenommenen Spenden vier Wochen lang zur direkten Ausgabe an die Flüchtlinge zur Verfügung stehen, und erst der Rest nach Lobetal gebracht wird, kann und soll die Tatsache der Erhebung von Unkostenbeiträgen natürlich nicht geleugnet werden. Wenn  im oben genannten Artikel der MOZ allerdings Höchst-Preise bis zu 13 € zitiert werden, ist  daraus nicht gleich ersichtlich, dass es nur um die Kosten für  die Reinigung, Sortierung Lagerhaltung und Bezahlung der Verkäuferinnen und Verkäufer (Menschen mit Handicaps) geht. So kostet beispielsweise ein T-Shirt ab 1,80 €, und für ein Hemd wird zwei Euro verlangt.

Der eingangs zitierte Basdorfer Bürger legt in den Kommentarspalten auf der Internetseite der MOZ durch aus noch eins drauf. Da wird von „Verschiebung“ der Spenden nach Lobetal gesprochen, ein möglicher Erlös von 500 € pro Tonne bei gewerblichen Aufkäufern unterstellt, fälschlicherweise unterstellt, der Runde Tisch hätte sich nicht an die Ehrenamtsagentur mit der Bitte um Helfer gewandt (das Gegenteil kann jeder lesen, wenn er auf die entsprechende Internetseite der Gemeinde Wandlitz klickt) und zum Abschluss von „einer genialen Geschäftsidee“ gesprochen.  Auch eine Wandlitzer Kommunalpolitikerin spricht ebenfalls von „Vermarktung“. Ein weiterer Leserbriefschreiber behauptet schließlich die Spenden würden „Teil eines Marktes auf dem einiges an Geld verdient wird“ und er behauptet, Lobetal bestünde aus „scharfrechnenden Kaufleuten“. „Jede andere Sicht betrachte ich als weltfremde Augenwischerei.“

Spender wie Ehrenamt und karitative Organisationen haben Wertschätzung verdient und nicht Skandalisierung!

Was hier im Eifer des Gefechts den Hoffnungstaler Anstalten Lobetal unterstellt wird, ist schon schweres, ja ich finde äußerst unfaires Geschütz. Sie wurden  im Jahre 1905 von Friedrich von Bodelschwingh gegründet und die „Brockensammlung“ gründet sich auf ein Zitat des Johannesevangeliums:“Sammelt die übrigen Brocken, auf dass nichts umkommt!“. Das Eintreten für Hilflose und Bedürftige hat eine lange Tradition und die Courage ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fand einen ersten Höhepunkt während der Nazidiktatur, als sich ihr damaliger Leiter, Paul Gerhard Braune weigerte, geistig und psychische Behinderte für die Tötungsaktion T4 im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasieprojekts zur Verfügung zu stellen und dafür für mehrere Monate in Gestapohaft gelangte. Ein weiteres Mal war der Mut der Verantwortlichen gefordert, als 1953 die Anstalten  verstaatlicht werden sollten. Dies scheiterte, weil erneut  jener Herr Braune Mut zeigte und die Besetzer der SED zum Abzug überreden konnte. Im weiteren Verlauf entwickelten sich die Lobetalen Anstalten eine der größten Behinderten-Einrichtungen der DDR mit Fachrichtung der Behandlung von Epilepsie – Kranken. Obwohl seinen eigenen Kinder wegen des kirchlichen Hintergrunds ihres Vaters das Studium in der DDR verweigert wurde, gewährte der spätere Leiter der Lobetaler Anstalten, Uwe Holmer, dem vor dem aufgeputschten Mob Flüchtenden Ex-SED-Generalsekretär Erich Honecker und seiner Frau Margot in seinen Privaträumen für mehrere Wochen Kirchenasyl.

Natürlich heißt diese ehrenwerte Geschichte von Zivilcourage nicht im geringsten, dass nicht heutzutage Fehler passieren können. Aber die im Gefolge des Artikels immer wieder unterstellte Behauptung, die gemeinnützige GmbH würde mit den Wandlitzer Spenden Gewinne machen, oder diese Spenden dem gewerblichen Altkleidermarkt zu führen, sind mindestens von Unkenntnis, vermutlich aber auch von Vorurteilen geprägt.

Hätte man das nicht besser lösen können?

Aber natürlich! Schon im Frühjahr 2013 besprach ich mit einigen die Idee, aus der Halle der Solidarität selber eine gemeinnützige GmbH zu machen, Arbeitsplätze für Hartz-IV-Empfänger zur Verfügung zu stellen und all jene Spenden die von den Flüchtlingen nicht oder nach einer bestimmten mehrmonatigen Frist nicht in Anspruch genommen würden, anderweitig abzugeben oder zu verwerten. Allein es gab keine Kräfte dafür.

Hätte die Spendengruppe nicht nur aus 15 Personen sondern aus 30 bestanden, so wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, alle gespendeten Computer auf Viren zu prüfen, alle elektrischen Geräte auf ihre Tauglichkeit zu prüfen, für die angelieferten Möbel die (vergessenen) Schrauben und Kleinteile zu besorgen und sie wieder zu vervollständigen.  Weil wir diese Kräfte aber nicht hatten, kam es dazu, dass durch defekte, gespendete Waschmaschinen in neu von Flüchtlingen bezogenen Einzelwohnungen Wasserschäden entstanden, dass defekte Fernseher Stockwerke hochgeschleppt werden mussten, um sie anschließend auf den Sperrmüll zu werfen, dass angelieferte Wohnzimmerschrankgewänder wegen fehlender Ersatzteile nicht aufgebaut werden konnten und dass Computer zunächst einmal alle angeschlossenen Geräte mit Viren ansteckten. Und so wie es in den ersten Wochen gelang, eine Fahrradwerkstatt zu installieren, wäre es schön gewesen, diese Institution zu einer Dauereinrichtung zu machen. Ein  Wandlitzer hatte mir  den Vorschlag gemacht, alle Spenden im Internet zu inventarisieren und Bedürftigen – ob Flüchtlinge oder Einheimische – über das Internet anzubieten! Allein die Frage, wer das Projekt umsetzen wolle, konnte mir dieser „Ideenspender“  nicht beantworten. Natürlich wäre es  auch schön, wenn es eine regelmäßig erscheinende „Begegnungs-Zeitung“ gäbe, die sich an alle Haushalte in Wandlitz wendet, und in der jüngste Entwicklungen kommuniziert werden könnten.

Aber wie sagt mein Enkel immer: „Hätte, hätte, Fahrradkette!“

Die ehrenamtlichen des Runden Tisches, sind keine gewählten, beauftragten Träger irgendeines Mandats, deren Arbeit finanziell unterfüttert wird und die im Auftrag ihrer Wählerinnen oder Wähler arbeiten. Es sind freiwillige, die im wörtlichen Sinne „nach bestem Wissen und Gewissen“ neben ihrem Beruf, neben ihrer Familie, neben anderweitigen ehrenamtlichen, karitativen oder auch kommunalpolitischen Engagements Zeit spenden für die Willkommens-Kultur. Mehr als einmal ging dieser Kräfte Einsatz über die Grenzen des zumutbaren hinaus und (muss das extra betont werden?) natürlich passieren dann auch mal Fehler. Besserwisser gibt es immer. Nörgler gibt es auch.

Aber zunächst – sollten jene, die die freiwilligen Arbeit anderer kritisieren, sich selber fragen, ob sie nicht mithelfen können, es besser zu machen.

Fazit:

Als sich Apple-Gründer Steve Jobs einmal voller Empörung an den Verleger Ruppert Murdoch wandte, um sich über die Hetzsendungen seines erzkonservativen  Senders Fox-TV zu beschweren, sind von ihm folgende Worte überliefert: „Heute kommt es nach meiner Meinung nicht mehr so sehr auf die Unterscheidung zwischen ‚progressiv‘ und ‚konservativ‘ an, sondern auf die Unterscheidung zwischen ‚destruktiv‘ oder ‚konstruktiv‘!“

Diese Worte haben – so finde ich – volle Gültigkeit auch für das Zusammenwirken im Ehrenamt in unserer kleine Gemeinde Wandlitz.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Januar 3, 2015 von in Uncategorized.
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