Flüchtlingshilfe in Wandlitz

Runder Tisch Willkommen

Für eine Willkommenskultur auch unter uns Einheimischen!

Auf dem Asylgipfel der brandenburgischen Landesregierung am 27. Februar in Potsdam kam 10 Minuten vor dem geplanten Ende der bis dahin dreistündigen Veranstaltung nach einer übervollen Tagesordnung zu Fragen der Unterbringung von Asylbewerbern, Bildungsfragen, Zugang zum Arbeitsmarkt und der gesundheitlichen Versorgung der Tagesordnungspunkt 7 dran: „Beispiele haupt- und ehrenamtlichen Engagements, Ausbau der Selbsthilfe vor Ort, Willkommens-Kultur.“

Steffi Wiesner von der Freiwilligen Agentur Potsdam-Mittelmark, listete zunächst in einem aus meiner Sicht hoch qualifizierten Beitrag wichtige Erfahrungen aus der ehrenamtlichen Arbeit von Willkommensinitiativen auf, benannte mögliche Konfliktfelder (insbesondere zwischen Haupt und ehrenamtlichen) und formulierte Forderungen zur Unterstützung von Land, Kreisen und Kommunen für die freiwillige ehrenamtliche Arbeit.

Anschließend berichtet in einem mitreißenden Beitrag eine 75-jährige Rentnerin aus der Willkommensinitiative Teltow über ihre Unterstützung der Flüchtlinge im Sprachunterricht, in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen und davon, wie viel Freude dies macht und wie viel sie auch von den Flüchtlingen zurückbekommt.

Nach dem anschließenden ebenso motivierenden Bericht des Vertreters des Fußballvereins SV Babelsberg, Thoralf Höntze, über die Fußballmannschaft „Welcome united“, die ausschließlich aus Flüchtlingen besteht, erteilt Ministerpräsident Woidke mir um 16:20 Uhr das Wort.

„Sehr verehrte Damen und Herren,

obwohl all die Punkte der vergangenen 3 Stunden sicherlich nicht unwichtig waren, empfinde ich die letzten drei Beiträge als die wichtigsten des Tages!

Solche Frauen, wie die aus Teltow, die eben gerade gesprochen hat, gibt es – dessen bin ich mir ganz sicher – in jeder Stadt in Brandenburg!

Auch in Wandlitz gibt es sie, bei uns heißt sie Birgit Breuer und wir nennen sie „den Engel von Biesenthal“.

Mein Name ist Mathis Oberhof und ich komme aus dem stolzen Ort Wandlitz.

Nach drei Jahren harter Arbeit des Runden Tisches können wir heute sagen, dass fast keine Wandlitzerin,  kein Wandlitzer – auch subjektiv mehr Angst vor Flüchtlingen hat.

Dies führt in der Umkehrung dazu, dass auch die Flüchtlinge bei uns keine Angst mehr von den Einheimischen haben müssen.

Auch die Selbstständigen und Unternehmer in Wandlitz haben erkannt, dass es ein „Standortvorteil“ ist, dass, wenn von Wandlitz die Rede ist, man nicht nur denkt: „Da hat ja mal der Erich gewohnt!“, Sondern „das ist doch der Ort mit der Willkommens-Kultur, mit dem MultikultiCharakter!“.

An allen Kirchen und am Sportplatz der Grundschule hängen die 3,50 m langen Transparente mit dem Willkommensgruß in 14 Sprachen und der kleine Aufkleber mit dem selben Inhalt, klebt an vielen Eingangstüren von Wandlitzer Geschäften. Wir haben mit den Ladeninhaberinnen und Ladeninhabern besprochen, dass diese Aufkleber den Flüchtlingen sagen soll: „auch wenn das Verkaufsgespräch mit Dir, ob Du einen Bleistift, oder einen Füllfederhalter, oder einen Schreibblock kaufen willst, vielleicht eine Viertelstunde länger dauert, bevor wir raus kriegen, worum es wirklich geht, Du bist herzlich willkommen, auch wenn jetzt kein großer Umsatz läuft!“

Die Flüchtlinge haben uns in Wandlitz wirklich bereichert!

Genau das haben die Neonazis seit zwei Jahren auf ihrer Internetseite aufs Korn genommen, in dem sie immer wieder die Losung verbreiten wollten „Ich bin ein Esel, ich glaube daran, dass die Asylanten uns bereichern!“.

Aber damit haben sie in Wandlitz keinen Blumentopf gewonnen.

Als sie das erste Mal bei uns auftauchten kamen sie mit 15 Leuten und wir waren 300, als sie das zweite Mal kamen, waren sie acht und wir waren 100, als sie das dritte Mal kamen waren sie drei und wir waren 80, und auch beim vierten Mal waren sie zwei und wir waren 80. Heute ist Wandlitz eine No-go­-Area  für Neonazis, und darauf sind wir sehr stolz! 

Bevor ich zu meinem letzten Gedanken komme, möchte ich mich noch bedanken bei Ferdinand Ngninkeleji aus Kamerun. Ich finde es toll, dass Du heute hier den Mut gefunden hast, einen Diskussionsbeitrag zu halten. Über manches kann man ja kontrovers diskutieren, aber was mir am meisten unter die Haut gegangen ist war Dein Satz: „Oft fühlen wir uns im Asylbewerberheim wie im Gefängnis!“.

Wenn ich versuche, das zu verstehen, muss ich an einen Landsmann von uns aus dieser Gegend denken, der 1933 von den Nazis aus Deutschland vertrieben wurde.

Er hat sich vor ziemlich genau 80 Jahren in einem südschwedischen Krankenhaus mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen.

Es war Kurt Tucholsky!

Ja, die Vertreibung aus der Heimat ist unerträglich, sie ist unzumutbar, sie ist zum verzweifeln und für viele einfach nicht auszuhalten!

Das wollen wir nie vergessen. Und in der Flüchtlingsarbeit immer den Spagat aushalten zwischen all den Fachfragen, den finanziellen und gesetzlichen Bedingungen für unsere Arbeit und der Empathie dafür, was ihr durchgemacht habt, bevor ihr zu uns in dies Land gekommen seid. Und wir wollen dabei nie vergessen, was zigtausenden von Flüchtlingen, die vor den Nazis auf allen Kontinenten der Erde Zuflucht in anderen Ländern suchten, an Gastfreundschaft und Asyl gewährt wurde!

Unter Willkommens-Kultur verstehen wir ja vor allem, dass „das Fremde möglichst nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung“ verstanden wird.

Ich möchte dafür plädieren, dass wir diese Willkommens-Kultur nicht nur gegenüber den Menschen die aus anderen Ländern zu uns kommen, pflegen und hegen, sondern auch unter uns Einheimischen.

Ich habe den Eindruck, manchmal sind uns die Menschen aus dem Sudan, aus Kamerun oder Pakistan weniger fremd als „der Fremde von der Oppositionspartei“, ist dem Flüchtlingsrat die Regierung, der Regierung der Flüchtlingsrat fremd.

Es geht nicht darum, Konflikte zu verwischen oder zu vertuschen, sondern es geht darum, sie so konstruktiv zu erörtern, zu behandeln und Lösungen zu suchen, dass aus diesen Kontroversen nicht Menschen abgestoßen werden sich für die Solidarität mit den Flüchtlingen zu engagieren, sondern motiviert werden.

Es darf nicht so sein, dass durch unser eigenes destruktives Agieren sich bei Menschen der Eindruck verfestigt: „genauso wie wir es befürchtet haben, seit die Flüchtlinge bei uns sind, gibt es nur noch Krawall!“

Das sind wir Ferdinand Ngninkeleji und all den anderen schuldig, die traumatisiert in unser Land gekommen sind, dass ihr Schicksal nicht instrumentalisiert wird für Partei-, Organisations-, oder Weltanschauungsinteressen.

Unser Ziel muss doch darin bestehen, dass es auch dann in Brandenburg keine Pegida-Demonstrationen gibt, wenn die Anzahl der Asylbewerberinnen und Asylbewerber auf das dreifache der heutigen Zahl angestiegen ist.

Und nach den Demonstrationen der letzten Wochen für Vielfalt und Toleranz im ganzen Land bin ich mir auch sehr sicher, dass uns dies möglich ist!“

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Respect! Empower! Include!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am März 13, 2015 von in Uncategorized.
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