Flüchtlingshilfe in Wandlitz

Runder Tisch Willkommen

Lehren aus Wandlitz. Der nichtgehaltene Diskussionsbeitrag vom Asylgipfel am 27.2.2015

Inputreferat beim Asylgipfel der brandenburgischen Landesregierung am 27. Februar 2015 in Potsdam

Anfang Februar wurde ich von der Integrationssbeauftragten der brandenburgischen Landesregierung gebeten, für den Asylgipfel am Simon 20. Februarein Inputreferat von 5 Minuten vorzubereiten.Kurz vor der Veranstaltung wurde ich darüber informiert das andere Initiativen, deren Arbeit noch nicht zu viel öffentliche Beachtung gefunden hat darum gebeten wurden von ihren Erfahrungen zu berichten , deshalb kann dieser mein Diskussionsbeitrag nicht zur Anwendung.

Sehr geehrter Ministerpräsident, sehr verehrte Damen und Herren,

ich bedanke mich herzlich für die Einladung und die Möglichkeit über die Erfahrungen des Rundentisches Willkommen Wandlitz zu berichten, der sich im November 2012 nach einer dramatischen Protestversammlung gegen das geplante Flüchtlingsheim in Wandlitz gegründet hat.

Ich habe gerade einen Buch mit dem Titel-WILLKOMMENS-GLÜCK über unsere Arbeit fertig gestellt, das 150 Seiten umfasst. Nun für dies Inputrefeerat mich auf 5 Minuten zu begrenzen ließ dieses WILLKOMMENS-GLÜCK kurzzeitig in willkommens Stress mutieren.

  1. wir alle sind Ausländer – fast überall

Mein Name ist Mathis Oberhof, ich bin 64 Jahre alt und verheiratet.

Meine Mutter ist 1945 wie ihre gesamte Familie aus Ostpreußen vertrieben worden und hat erst in Bremerhaven eine Tür gefunden die sich ihnen öffnete und mein Vater ist 1960 aus der DDR ausgewiesen worden.

Mein ältester Sohn arbeitet zur Zeit in Kanada mein mittlerer studiert in Oslo,

der Sohn meiner Frau aus erster Ehe hat mit einer Mannheimerin afroamerikanischem Herkunft einen Sohn und lebt nun mit einer wunderbaren jungen Frau aus Eritrea zusammen, mit der eine Tochter hat,

die Tochter meiner Frau lebt mit einem hessischen Spanier zusammen d.h. er ist Wiesbaden geboren, aber fühlt sich mit Leib und Seele als Spanier.

Wenn sie so wollen: eine ganz normale deutsche Familie.

Wir alle sind Ausländer – fast überall, und in viel mehr Familien als uns das bewusst ist, sind Flucht, Vertreibung oder multikulturelle Partnerschaften längst Realität.

  1. wir sind die Mehrheit!

Die Menschen, die Flüchtlinge mit offenen Armen willkommen heißen, bilden die Mehrheit in Deutschland!

Dies ist immer wieder durch die verschiedensten Umfragen bestätigt.

Die Minderheit, die Angst vor Ausländern hat oder aber Hass gegen sie verbreitet, ist oft laut, aggressiv und beleidigend.

Unsere wichtigste Aufgabe besteht also darin: die Mehrheit zum klingen zu bringen.

 

  1. Ausländer Angst = Ausländerunkenntnis

eine Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahre 2012 wies nach, Ausländer Angst ist dort am größten, Wo keine Ausländer leben.

Wer Ängste ernst nehmen will, der muss so viel wie möglich Alltags-Kontakte mit den Ausländern organisieren.

Kriterium für unsere Arbeit in Wandlitz war deshalb immer: bringt diese Aktivität zusätzliche Einheimische mit den Flüchtlingen zusammen, schafft es Chancen sich kennen zu lernen.

Dazu gehört auch eine Aufforderung des jüngst verstorbenen Ex Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der zum Überwinden der Gegensätze von Ost-und Westdeutschen schon 1990 forderte: „wir müssen uns unsere Biografien erzählen!“

  1. Pro ist mobilisierender wie contra

Menschen sind eher bereit für etwas einzutreten, als dagegen.

Wir haben unsere Initiative deshalb runder Tisch willkommen geheißen.

Wir heißen Neubürger, die aus Berlin zu uns ziehen genauso wie Gewerbetreibende die unser Gewerbesteuersaufkommen erhöhen, genauso wie Touristen, die durch unsere schöne Landschaft Radtouren durchführen wollen, willkommen wie auch die geflüchteten.

Alle sind willkommen

Nicht gegen Rassismus, gegen Ausländerfeindlichkeit sondern für Wandlitz ,

für Vielfalt in Wandlitz.

Das hat uns die Zustimmung so überwältigend viele Mitbürgerinnen und Mitbürger gebracht.

5.

Pluralismus

 

Wir haben versucht, Pluralismus nicht nur im Bezug auf Ethnien und kulturelle Traditionen, was die Flüchtlinge betrifft, sondern auch was den Umgang unter uns Einheimischen zu leben.

5.1. Pluralismus der Motive

Es ist wichtig, die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit der Motive, sich für Flüchtlinge einzusetzen und die Unterschiedlichkeit mit welcher Intensität und Qualität hier ehrenamtliche Arbeit geleistet wird, zu beachten.

Unser Bündnis besteht nicht aus Parteien und Organisationen, sondern aus Menschen.

Die Aktivisten in Organisationen hatten ja schon vor dem Ansteigen der Asylbewerberzahlen viel zu viel zu tun gehabt,

Denn immer weniger sind bereit, sich in Organisationen, Kirchen oder Parteien zu engagieren weshalb beispielsweise auf dem Hamburger Kirchentag auf einem großen Meeting von Ehrenamtlern unter brausenden Beifall aller die traurige Lebenserfahrung zu hören war:

“ Ich geb den kleinen Finger, man nimmt die ganze Hand, das nennt man dann das Ehrenamt!“

Die Hauptquelle für Unterstützerinnen und Unterstützer unserer Arbeit waren die

  • Schulen,
  • die Kirchengemeinden,
  • die Spenderinnen und Spender und
  • Einzelpersonen die über eine intensive Presse – und Öffentlichkeitsarbeit informiert, angesprochen und mobilisiert werden konnten.

5.2. Pluralismus von Umfang Inhalt und Qualität des Engagements

Auch im wie des Umgangs untereinander ist Pluralismus zwar nicht Spezifisches für eine Willkommensinitiative, aber war für uns und unseren Erfolg signifikant wichtig

dazu gehört auch: Strikteste Freiwilligkeit

und das Prinzip wer die Arbeit leistet, ist dafür verantwortlich.

Es gibt nichts frustrierende, als wenn ich, sagen wir mal zum Beispiel einen Schwimmunterricht für Flüchtlingskinder an schiebe, und dann irgendein Vorstand, oder ein Gremium, oder ein Ausschuss, der mir bei der Arbeit nicht helfen kann oder will darüber diskutiert und Prinzipien festlegen will, wie ich das zu leisten hätte.

Das klappt schon kaum mehr in Organisationen, Kirchen und Parteien, in freiwilligen Initiativen jedoch mit einer viel geringeren pauschal Loyalität gegenüber der Initiative erschlägt es oft die Ehrenamtlichkeit.

5.3. Pluralismus der Rollen

Ein wesentlicher Faktor unseres Erfolges war, dass für die unterschiedlichen Rollen von Ehrenamtlern und Vertretern des öffentlichen Dienstes von Anfang an unterschieden und respektierten.

Während z.B. politische Beamte und andere Vertreter von Gemeinde oder Landratsamt vor allem an Gesetze und Verordnungen gebunden sind, die Asylbewerber noch nicht als Menschen mit dauerndem Bleiberecht definieren, so gehen die Ehrenamtler mit ihrer überdurchschnittlichen Empathie davon aus, dass diese Menschen egal, ob sie vor dem Geheimdienst, der Armut oder der Umweltkatastrophe in ihrem Herkunftsland geflohen sind, von uns angesichts dramatischer und traumatisierender Erlebnisse und Fluchtwege unsere volle Empathie, Solidarität und Unterstützung verdient haben.

  1. Projekte, Feste und Spenden

Erst auf dieser Grundlage konnte sich eine große Vielfalt unterschiedlichster Projekte entwickeln

  • wie Sprachkurse zur Vorbereitung und Ergänzung der staatlichen Angebote
  • eine Fahrradwerkstatt, wo gespendete Zweiräder repariert werden
  • gemeinsames Kochen, zum Deutsch lernen an Kochtopf und Bratpfanne
  • Spiel und Sport vor allem mit den Kindern und Jugendlichen,
  • so scheinbar triviale Dinge wie spazieren gehen und
  • Besuch im Zoo oder Theater, (in der Regel das erste Mal dem Leben der Flüchtlinge)
  • die Begleitung zum Arzt als Dolmetscher bzw. Kontaktperson zum Dolmetscher, Fahrer vor allem in ländlichen Gegenden
  • die unterschiedlichsten Formen individueller Lebenshilfe (bei der Überwindung der Traumata, beim finden von Arbeitsmöglichkeiten oder einem Partner/Partnerin und den Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem Asylrecht.
  1. b Bürgerfeste und Spenden

Wir haben bisher drei Bürgerbegegnungsfeste in Wandlitz durchgeführt. sind nicht nur eine wunderbare Möglichkeit wo Flüchtlinge durch das Zubereiten von Speisen aus ihren Herkunftsländern die Bereicherung die sie in unsere Stadt bringen auch sinnlich wahrnehmbar machen können und gleichzeitig endlich etwas zurückgeben nach dem vielen was sie bekommen haben, sie sind immer stärker auch Feste auf denen die kulturellen Kompetenzen der Flüchtlinge auf die Bühne kommen und sie werden in Wandlitz zu wirklichen Festen der Begegnung nicht nur zu den ausländischen Mitbürgern sondern auch der Zivilgesellschaft die schon bisher in Wandlitz wohnt.

Für den Punkt SPENDEN-Annahme- und Ausgabe fehlt mir die Zeit, es ausführlicher auszuführen, aber mit Abstand die größte Wirkung in die Bevölkerung hinein wie auch für die Rekrutierung aktiver Mitarbeiter in den Projekten ist die Offensive Spendensammlung gewesen. Das ist ein riesiges Thema, ein Projekt, das sehr viel Kraft und Arbeit braucht, ein Thema bei dem ich glaube, dass staatliche Stellen professionelle Coaches, karitative Organisationen unbedingt Begleitschutz geben sollten.

Am wichtigsten ist die Erkenntnis dass die Spende eines alten

  • Fahrrads
  • einer Mikrowelle oder
  • eines Wintermantel

die rudimentärste Form der Solidarität ist

und wenn dieser erste Kontakt, diese erste Bereitschaft Solidarität zu üben, von der anderen Seite wertschätzend und mit guter Kommunikation aufgenommen wird, d.h. der/die Spender/in gefragt wird, ob er/sie weitergehende Möglichkeiten und Kompetenzen hat, die Flüchtlinge zu unterstützen,

dann kann das das Kraftfeld sein, aus dem immer neue Menschen für die Willkommens-Arbeit für den Kontakt mit den geflüchteten mobilisiert werden können.

Zusammenfassend:

1.wir sind alle Ausländer

  1. wir sind die Mehrheit

3.Willkommensinitiative als Kontaktvermittlungsstelle 4.Pro und nicht contra

  1. Pluralismus Leben ethnisch, weltanschaulich, organisatorisch und methodisch
  2. Projekte Feste und Spenden

das war und ist das Geheimrezept des Wandlitzer Willkommens Glücks. Wandlitz wandelte sein Antlitz.

Auf den Demonstrationen für Vielfalt und Toleranz und gegen Hass und Gewalt haben seit Weihnachten 2014 über 500.000 Menschen in der ganzen Bundesrepublik teilgenommen. Das macht Hoffnung, dass der Zustrom Zigtausende von geflüchteten in unser Land nicht als Bedrohung sondern als Bereicherung für die Mehrheitsbevölkerung erfahrbar gemacht werden kann.

Der Wandel in Wandlitz hat es bewiesen.

Danke.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am März 23, 2015 von in Uncategorized.