Flüchtlingshilfe in Wandlitz

Runder Tisch Willkommen

Einwohnerversammlung am 8.10.15 in Basdorf: Argumente gegen Hass und für Hilfsbereitschaft

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Foto: MOZ/Sergej Scheibe

Gedanken zur Einwohnerversammlung im Wandlitzer Ortsteil Basdorf vom 8.10.2015
Von Mathis Oberhof

Am 8. Oktober fand in der Turnhalle der Basdorfer Grundschule eine Informationsveranstaltung zur Aufnahme von Flüchtlingen in verschiedenen Liegenschaften im Ortsteil Basdorf statt, zu der die Bürgermeisterin, Frau Dr. Jana Radant eingeladen hatte.

Der Andrang war auch hier größer, als die Veranstalter erwartet hatten –  die knapp 80 Plätze auf den Turnbänken waren schnell besetzt und geschätzte 200 weitere Teilnehmer und Teilnehmerinnen saßen auf dem Boden oder verteilten sich in der ganzen Halle. Die Fakten sind schnell erzählt: zusätzlich zu den bisher etwa 100 (und in wenigen Wochen 180) Flüchtlingen im Übergangswohnheim an der Bernauer Chaussee, sollen an verschiedenen Orten in Basdorf (nicht in der ehemaligen Polizeischule und nicht in der Turnhalle des Gymnasiums der Grundschule) Flüchtlinge untergebracht werden.

Fakten prallen ab

Viele von uns verwunderte, dass in der knapp dreistündigen Diskussion fast ausschließlich das Thema Kriminalität eine Rolle spielte und alle Hinweise darauf und Beweise dafür, dass es in den drei Jahren seit Eröffnung des Wandlitzer Heims zu keiner einzigen Straftat durch Asylbewerber kam, an einer aufgebrachten Mehrheit abprallte wie Wasser auf Nano-behandelten Oberflächen. Schließlich gab es die aus den sozialen Netzwerken bekannten absurden und übertriebenen Behauptungen über Zuwendungen an die Asylbewerber und es fehlt auch nicht an sogenannten „Zeugen“, die von Diebstählen und sexuellen Belästigungen von Flüchtlingen in Wandlitz berichteten, die aber aus den unterschiedlichsten Gründen bisher nicht der Polizei gemeldet worden seien.

Flyer vom Runden Tisch verteilt als Einladung zum Mitmachen

Großartig fand ich, dass zwei Menschen vom Runden Tisch unsere Flyer gleich zu Beginn verteilten und damit deutlich machten: der Teil von Basdorf, der mit dem Herzen statt mit Hass den Neuen entgegentritt, ist selbstverständlicher integrativer Bestandteil des Wandlitzer und Basdorfer Alltags.

Ich bin auch ein „besorgter Bürger“

Ich habe in meinem Diskussionsbeitrag ausdrücklich erwähnt, dass ich es für problematisch halte, dass das Wort „besorgte Bürger“ von manchen heutzutage als Synonym für „Nazis“ genommen wird.
Denn in der heutigen Situation Sorgen zu haben, ist normaler, als keine Sorgen zu haben.
Über die eigene Zukunft, die derKinder, über die Zukunft des Arbeitsplatzes oder auch über die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten, über den Zustand der Umwelt – es gibt genügend Gründe, besorgt zu sein.
Und ich fuhr fort, dass ich aber besonders besorgt bin darüber, dass in einem Land, in dem 1938 in der sogenannten Reichs-Progromnacht 1400 jüdische Einrichtungen angezündet wurden, allein im ersten Halbjahr diesen Jahres schon 147 Angriffe und Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland verübt worden sind.
Viele von uns bemühten sich jedoch vergeblich um Sachlichkeit. So gehört diese Versammlung nicht zu den erfreulichen Terminen der letzten Zeit in unserer Heimatgemeinde.

Ich glaube wir sollten folgendes bedenken:

Erstens

zu solchen Versammlungen gehen vor allem die Unzufriedenen, nicht die Zufriedenen, viel zu viel Verängstigte und viel zu wenig Empathische.
Ich kenne viele Basdorferinnen und Basdorfer, auch solche in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, die selber für die Flüchtlinge gespendet haben, die an Bürger-Begegnungsfesten oder an Anti-NPD-Protesten teilgenommen haben, die gestern nicht bei der Versammlung anwesend waren.
Es gibt viele, die solche Versammlungen grundsätzlich meiden, es gibt viele, die aus beruflichen oder familiären Gründen oder wegen anderer ehrenamtlicher Belastung an solchen Versammlungen nicht teilnehmen können. Und vor allem ist für jene, die das richtig finden, dass unser Land (nicht nur wegen unserer Nazivergangenheit) offener auf Flüchtlinge zugeht als Ungarn oder Tschechien, nicht ersichtlich, warum sie zu einer solchen Protestversammlung gehen sollten.

Das verzerrt natürlich den Eindruck bei den Anwesenden.

Wenn es so war, dass etwa 200  Teilnehmer in blinder Protesthaltung verharrten, so sollte man diese Zahl auf die Gesamteinwohnerzahl von Basdorf beziehen. 200 von derzeit 5423 Bewohnerinnen und Bewohnern unseres Ortsteils, das sind etwa 3,7 Prozent!
Allerdings sollten wir nicht übersehen, dass es eine wichtige Aufgabe ist, die schweigende aufgeschlossene und hilfsbereite Mehrheit „zum Schwingen“ zu bringen, so dass in irgend einer oder anderen Form auch deren Meinung in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Zweitens

es geht nicht um Flüchtlinge, sondern um diffuse Ängste in einer „aus den Fugen geratenen Welt“.

Wenn ich die verschiedenen Diskussionsbeiträge, Zwischenrufe und Wutausbrüche versuche, auf einen Nenner zu bringen, dann scheint es mir, dass es den meisten überhaupt nicht um die Flüchtlinge ging. Sondern um „die da oben “, um das „Versagen der Politik“, um die „Lügenpresse“ und um andere emotionale und hassgeladene Begriffe tiefer Politikverdrossenheit.
Offensichtlich gibt es auch eine gefühlte Angst vor wachsender Kriminalität, obwohl alle Statistiken einen kontinuierlichen Rückgang aller Kapitalverbrechen wie Mord, Vergewaltigung oder Kindsentführung nachweisen.
Eine ähnlich aggressive Stimmung hätte es wahrscheinlich gegeben bei Versammlungen zu Windrädern, irgend einem ungeliebten Bauprojekt oder anderen umstrittenen Entscheidungen diverser politischer Gremien.

Drittens

die Minderheit ist aggressiv, wutentbrannt, unterbricht mit Zwischenrufen und in einigen Fällen auch betrunken

Es gibt wohl kaum ein Thema, das zur Zeit in Deutschland in Büros, in öffentlichen Verkehrsmitteln, am Stammtisch und in Vereinen oder Gemeindehäusern mehr diskutiert wird als die Frage „schaffen wir das?“ Für die Antwort auf diese Frage ist auch wichtig, wie man die Mehrheitsverhältnisse in unserer Bevölkerung einschätzt und ich erlebe dabei immer wieder, dass die Tatsache, dass die Hasserfüllten laut, aggressiv, unhöflich und mit verzerrter oder verfälschter Wahrheit auftreten, verwechselt wird damit, dass sie die Mehrheit stellten.
Wer seine Wut aber in erster Linie durch Zwischenrufe und dadurch zum Ausdruck bringt, dass er oder sie Beiträge anderer unterbricht, der beweist nicht die Gelassenheit von Mehrheitsmeinungs-Vertretern, sondern er agiert mit den Ohnmachts-Gefühlen einer vermeintlich durch Presse und Politik „unterdrückten“ Minderheit.
Vor jeder Empathie für Minderheiten steht deshalb aus meiner Sicht die Forderung nach Sachlichkeit und gegenseitigem Ausreden lassen. Das ist die allerprimitivste Grundvoraussetzung für Demokratie, die wir von jedem und jeder verlangen können.

Dass auf Facebook behauptet wurde, der ganz offenkundig betrunkene Basdorfer Tierarzt N. (der des Saales verwiesen wurde, als er den Ortsvorsteher Peter Liebehenschel ein „Arschloch“ nannte) habe als einziger den Mut gehabt, die Wahrheit zu sagen (“denn Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit“) muss wohl kaum weiter kommentiert werden.

Viertens

Panoramabericht gestern Abend: Erkenntnis vom Nazi Sven Krüger aus aus dem „Nazi-Dorf“ Jamal: „das Problem ist, wenn man sie (die Flüchtlinge) kennenlernt, kann man sie nicht hassen!“ 

Es ist also nicht verwunderlich, dass ich ziemlich frustriert nach Hause fuhr und zum Abschalten den Fernseher einschalte.
Und dabei in einen Panorama Bericht hineinrutschte über den Besuch eines NDR-Journalisten mit iranischem Migrationshintergrund im Nazidorf Jamal in Mecklenburg-Vorpommern.
(Sehr sehenswert unter diesem Link: http://bit.ly/nazidorfjamal )
Und hier bekomme ich dann doch noch die Aufmunterung, die ich suchte: ausgerechnet von einem Neo-Nazi, dem Anführer dieses rechtsradikalen Dorfes, Sven Krüger. Er antwortet auf die Frage des Journalisten, was er machen würde, wenn in seinem Dorf ein Flüchtlingscontainer aufgestellt würde in verblüffender Ehrlichkeit: „Das Problem ist, wenn man die Flüchtlinge kennenlernt, kann man sie nicht hassen!“
Und das sollten wir dann doch als Ermutigung und als Ermunterung nehmen. Denn genau das war die Erfahrung seit der Eröffnung des Heims 2013 in Wandlitz: je mehr Begegnung wir organisieren konnten  desto mehr konnten Angst und  Hass überwunden werden.
Bei der Haltung zu den Flüchtlingen sollte es uns nicht in erster Linie  um die Haltung zur Politik von Parteien und Parlamenten gehen (die auch unter den Willkommens-Aktiven durchaus unterschiedlich sein mag), sondern aus meiner Sicht um die Alternative: Hass oder Herz.

Für Menschen die das selbst (noch) nicht so sehen, kann die Begegnung mit den Geflüchteten, ihre Freundlichkeit, ihre Dankbarkeit, ihre Bildung, ihre Bereitschaft, Deutschland, seine Sitten und seine Kultur kennen zu lernen, ihre Bewunderung für unser Land die Herzen der Menschen öffnen. Und hat in München, in Rosenheim in Passau, in Saalfeld, in Hamburg und in Dortmund die Herzen der Menschen geöffnetm die an den Bahnhöfen standen, die Schmalzbrote schmierten, die Einwegrasierer, Windeln und Damenbinden verschenkten, die Winterkleidung ausgaben oder die als Übersetzer tätig wurden.

Und all unsere Erfahrungen bleiben Wahrheit und Gewissheit trotz des Abends am 8. Oktober in der Basdorfer Grundschule.

Und ja, an dieser Stelle bin ich wirklich stolz auf die Bundeskanzlerin dieses Landes und stimme ihr zu: „wir schaffen das!“

PS 1: ich war gestern das erste Mal im Barnim Panorama. Und was springt mir als erstes entgegen: vor 4000 Jahren begann nach dem Zeitalter der Jäger und Sammler in Wandlitz die Landwirtschaft und dann heißt es auf einer Tafel: die ersten Bauern in Wandlitz kamen als Einwanderer aus Südosteuropa.

PS 2: zum Thema der Vergewaltigung-Gerüchte hat die Panorama-Redaktion eine interessante Untersuchung vorgelegt: http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2015/Deutsche-Frauen-Bedroht-von-Fluechtlingen,rassismus126.html

PS 3: alles Schlechte hat was Gutes. So war es am 5. November 2013, wo nach einer ebenfalls hasserfüllten Bürgerversammlung sich anschließend ganz viele bereit erklärt haben zur Willkommens-Kultur. Nach der Basdorfer Versammlung vom Donnerstag kam ein Ehepaar und eine junge Frau zu mir, die ihre E-Mail-Adresse hinterlegt haben und großes Interesse bekundeten, in Basdorf die Flüchtlinge positiv zu begrüßen, Spenden zu sammeln bzw. sich zu beteiligen am Sprachunterricht oder als Paten. Na also.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Oktober 9, 2015 von in Uncategorized.
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